Einweihung einer Steinhauerhütte in Dorfprozelten 19. Mai 2019


In den letzten Monaten wurde vom Heimat- und Geschichtsverein mit großer Unterstützung der Fa. Wert-Heim Holzbau und der Gemeinde aus alten Materialien eine Steinhauerhütte auf der Bahnhofswiese aufgebaut. Diese Hütte wurde am Sonntag, den 19. Mai 2019 eingeweiht.

Steinhauerhütte

 

Das Fest begann um 13.30 Uhr, anschließend fanden Vorführungen zum Thema Steinhauer statt und um 16 Uhr war die offizielle Einweihung durch Diakon Scheurich.

 

Segnung der Anlage

Angeboten wurden Kaffee, hausgemachte Kuchen, verschiedene Steinhauervesper, Apfelwein und andere Getränke und wir freuten uns über zahlreiche interessierte Besucher.

 

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Zweck und historischer Hintergrund zur Steinhauerhütte und den Steinhauern:


Die offenen Steinhauerhütten gab es früher in großer Anzahl im Bereich der zahlreichen Steinbrüche in der Umgebung. Darin  wurden von den Steinhauern die Sandsteine weiterverarbeitet. Die größten der früheren Hütten waren mit etwa 12x4m etwa doppelt so groß wie die jetzige, die auch von der Form her möglichst authentisch nachgebaut wurde. Sie soll dazu dienen, größeren Personengruppen das Thema Sandstein und dessen Bearbeitung näher bringen zu können, was im Museumskeller in der umfangreich ausgestatteten Steinhauerwerkstatt nicht möglich ist.


Die Hütte ist ein weiterer Baustein für eine intensive Einbindung des Museumsbereiches am Bahnhof in das derzeit im Aufbau befindliche Sandsteinkulturprojekt im Südspessart. Im Museum ist neben der Werkstatt mit zahlreichen alten Werkzeugen der Herrgott vom Dreikreuz, ein Torso aus dem Jahr 1629, ausgestellt. Zu besichtigen ist dort auch die 1880 vom Steinhauerunterstützungsverein für 61,50 Mark beschaffte Steinhauertrauerfahne und die damalige Vereinsfahne. Bereits 2004 wurde eine aus den Dorfprozeltener Steinbrüchen geborgene verschüttete Bergbremsbahn originalgetreu am Bahnplatz wieder aufgebaut. Auch ein  Kindergrabstein der Fam. Söller aus Stadtprozelten und Grenzsteine  sind dort zu besichtigen. Nur wenige Meter entfernt in der St. Vitus – Kirche und im Pfarrheim befinden sich etliche weitere historisch wertvolle Sandsteinerzeugnisse, hervorzuheben ein Sakramentshäuschen von 1440, der Taufstein von 1625 und  eine Kreuzigungsgruppe, ebenfalls von 1625. Über der Eingangstüre des alten Rathauses ist das Sandsteinwappen des Mainzischen Fürstbischofs Schweickhard von Kronberg von 1619 noch erhalten.


Bei dem Fest wird es zwar auch allgemeine Informationen zum hiesigen Bundsandstein geben, schwerpunktmäßig soll aber das Leben und Arbeiten der Steinhauer dargestellt werden.
Erste Zeugnisse der hiesigen Steinverarbeitung dürften die großen Wehranlagen und Burgen sowie die dazugehörigen Stadtmauern sein, die ab der Erschließung der hiesigen Umgebung Anfang des 2. Jahrtausends entstanden. Die Rüdt von Collenberg`sche Jagdgrenzkarte von 1612, die erste bekannte schematische Darstellung unseres Region, dokumentiert erste Steinbrüche am Untermain mit vielen interessanten Details.  


Die eigentliche Steinhauerepoche dürfte in den Jahren nach dem 30jährigen Krieg, also 1680 bis 1720, als große Armut herrschte und viel Aufbauarbeit geleistet werden musste, begonnen haben. Es wurde viel Baumaterial benötigt, das aus den hiesigen Steinbrüchen gewonnen wurde.


Der Beruf der  Steinhauer war hier weit verbreitetet, da es etliche Steinbrüche mit  qualitativ sehr hochwertigem Sandstein gab. Dieser wurde nicht nur in unmittelbarer Umgebung verbaut, im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden große Bauwerke wie beispielsweise der Frankfurter Dom und das Aschaffenburger Schloss aus hiesigem Sandstein.
Zu dieser Zeit gab es in Dorfprozelten etwa 120 Steinhauer in Kleinbetrieben mit maximal 20 Arbeitern, was bedeutet, dass jeder dritte arbeitsfähige Mann im Steinbruch beschäftigt war. Die Männer wurden von ihren Familien mit Essen versorgt. Diese durften dafür anschließend auch gleich mithelfen, den Abraum zu beseitigen.


Nachweislich bekannt ist auch, dass in Dorfprozelten in den Hütten eher grobere Arbeiten wie das Behauen von Mauer-, Mühl- und Pflastersteinen stattfanden. In Collenberg hingegen waren eher die Steinmetze, aber auch die sogenannten „Steinbarone“ ansässig, die sicher sehr viel mehr am Sandstein verdienten. Man muss aber für Dorfprozelten bedenken, dass der Sandstein zum Aufschwung der Schifffahrt geführt hatte. Die Steine mussten transportiert werden, was auch hier zu einem gewissen Wohlstand führte.


Die Arbeit der Steinhauer war sehr beschwerlich. Vor 1900 wurden 12 Stunden am Tag an 6 Tagen pro Woche gearbeitet. Bezahlten Urlaub gab es nicht und Frei waren nur die Sonntage und 12-15 Feiertage. Es wurde Akkord gearbeitet, d.h. es wurde nach Arbeitsleistung entlohnt, etwa 2,00 Mark bis später 3,30 Mark am Tag. Zum Vergleich kostete ein Schoppen Apfelwein 10 Pfennig, ein Liter Bier 22 Pfennig, ein Pfund Brot 13 Pfennig und ein Zentner Kartoffeln 2 Mark. Der Verdienst war für die Verhältnisse um die Jahrhundertwende aber besser als bei anderen Berufen wie beispielsweise Schneider oder Bauer. Das könnte  Neid erzeugt haben, vielleicht wurden die Steinhauer deswegen auch etwas verächtlich „Staabümber“ genannt.
Wer als Steinhauer krank oder verletzt wurde, war nicht abgesichert, denn wer nicht arbeitete bekam auch keinen Lohn. Am schlimmsten war für die Steinhauer aber die Tatsache, dass sie ständig den Feinstaub einatmeten und deshalb oft an der „Steinhauerkrankheit“, einer Art  Staublunge, erkrankten. Während das durchschnittliche Lebensalter anderer Berufsgruppen etwa 60 Jahre betrug, waren es bei Steinhauern nur 44,5 Jahre. Viele  kamen auch durch Unglücksfälle im Steinbruch ums Leben und hinterließen  Familien ohne Ernährer.


Um die notwendigste Grundversorgung abzusichern, gab es den 1866 gegründeten Steinhauerunterstützungsverein, für den monatlich ein Vereinsbeitrag von 15-30 Pfennig eingezahlt wurde. Die Wintermonate  waren beitragsfrei, weil in diesen Monaten auch nicht gearbeitet wurde. Im Krankheitsfall erhielt eine Steinhauerfamilie eine Unterstützung von 43 Pfennig pro Tag. Bei Beerdigungen wurden an die Hinterbliebenen 23 Mark ausgezahlt, was verhinderte, dass diese in völlige Armut verfielen. Für damalige Verhältnisse war dieser Verein eine sehr solidarische und soziale Einrichtung.

 

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